„Migranten kennen ihre Bildungschancen nicht!“
24.08.2010: BWK ruft Bildungskampagne für türkischstämmige Migranten aus
Bis zu welchem Alter kann man einen Beruf erlernen? Dass das sogar noch mit 45 Jahren möglich ist, wissen die Wenigsten. „Insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund kennen ihre Bildungschancen in Deutschland nicht“, weiß Nihat Sorgec. Zur Aufklärung seiner türkischstämmigen Landsleute hat der Chef des BWK BildungsWerks in Kreuzberg nun eine Aktion gestartet: Die „BWK Meslek Eğitimi Kampanyası“ – die BWK Bildungskampagne. Türkischsprachige Studenten sind dieser Tage unterwegs in Cafés, auf Märkten, bei Vereinen etc. und versorgen türkischstämmige Bürger mit ersten Informationen zur Ausbildung für Erwachsene. Teil der Bildungskampagne sind auch Anzeigen und Radiospots in türkischen Medien sowie eine Infoveranstaltung im BWK am 30. August.
Menschen mit Migrationshintergrund sind häufiger arbeitslos und nehmen vergleichsweise selten an Weiterbildungsprogrammen teil. „Das liegt aber oftmals nicht an ihrer Motivation, sondern am mangelnden Wissen über ihre Möglichkeiten.“ Nihat Sorgeç kennt seine Landsleute: „Ein Berufsabschluss ist auch in der türkischen Community hoch angesehen. Dass man den auch mit 30, 40, 45 Jahren noch erlangen kann, weiß hier aber kaum jemand. Arbeitslose Migranten versäumen es, ihren Arbeitsberater auf die Möglichkeit einer Umschulung anzusprechen – aus Unwissenheit.“
Über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt am JobCenter im Berliner Bezirk Neukölln mit seinem hohen Anteil an Migranten nur ein Drittel der Bewerber. Gemeinsam mit dem BWK sucht JobCenter-Chef Konrad Tack nach Möglichkeiten, arbeitslosen Migranten neue Wege in den Arbeitsmarkt zu erschließen. Dazu gehören Umschulungen mit Praktikums-Aufenthalten in der Türkei. „Eine gute Ausbildung ist die Brücke in eine ‚hartzfreie’ Zukunft“, so Tack. „Wer keine Fachausbildung hat, kann höchstens auf befristete und kurzzeitige Beschäftigungsverhältnisse hoffen. In den Umschulungen am BWK wird die Zweisprachigkeit zum Wettbewerbsvorteil. Wichtig ist dabei, dass sie von Fachleuten mit internationalen Erfahrungen gestaltet werden.“
Seit 2007 führt man am BWK erfolgreich Ausbildungsprojekte mit Auslandsaufenthalten durch, im Rahmen derer Kulturen reflektiert werden, die eigene(n) genauso wie andere. Nun kommen Umschulungen dazu. Die Umschulung ist gleichwertig mit der Berufsausbildung, richtet sich jedoch an Erwachsene. Umschulungen in 13 zukunftsfähigen Berufen starten am BWK ab September, vier davon mit speziellem interkulturellem Schwerpunkt. Doch bei einem Migrantenanteil von über 50 Prozent steht das Training interkultureller Kompetenzen sowieso bei den Teilnehmern aller Lehrgänge des Bildungsunternehmens im Kreuzberger Wrangelkiez auf dem Stundenplan.
Auch die Vorbildfunktion der Erwachsenen spiele in seinem Bezirk eine entscheidende Rolle, erklärt der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky. „In vielen Familien sind die Schulkinder die einzigen Familienmitglieder, die morgens aufstehen müssen. Erwerbstätige Eltern vermitteln ihren Kindern die Wichtigkeit eines Berufslebens – nicht nur für die Brieftasche, sondern auch und besonders für das Selbstbewusstsein.“ Buschkowsky ergänzt: „Eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft kann nur über eine Erwerbstätigkeit erfolgen. Dazu kommt: Angesichts des Fachkräftemangels sollten wir uns auf das Potenzial der hier lebenden Menschen konzentrieren, anstatt im Ausland zu suchen!“